Als Pilger ankommen

13653024_1048732998509241_7442685767128556402_oDer Wecker klingelt … 4.00 Uhr … der Moment an dem ich kurz überlege, was mich eigentlich geritten hat, denn heute werde ich zum ersten Mal in meinem Leben pilgern. Ursprünglich sollte es eine Pilgerreise nach Trier werden, aber die Arbeit lässt mir leider nie die Zeit. Rund 30 km und 6-7 Stunden liegen vor meinen drei Mitpilgern und mir – mit dem Ziel des Birgelener Pützchens, eine Marienwallfahrtskapelle, die ein wenig außerhalb des Wassenberger Stadtteils Birgelen liegt. Im 7. Jahrhundert soll der hl. Lambertus hier die ersten Christen am südlichen Niederrhein getauft haben und die erste urkundlich belegte Pilgerfahrt ist auf das Jahr 1718 datiert. 1795 wurde hier eine Kapelle gebaut, die 1933 um einen Hauptraum vergrößert wurde. Das Wasser des Pützchens (Pütz = Brunnen) im Naturpark Maas-Schwalm-Nette gilt als heilbringend und soll durch seinen Siliziumdioxid-Gehalt besonders Augenleiden mildern. Die letzten Meter werden begleitet von einem Wald-Kreuzweg.

Während früher Menschen fast ausschließlich aus religiösen Motiven gepilgert sind, geht es heute auch darum sich z. B. eine Auszeit zu gönnen. Dabei ist pilgern kein typisches christliches Merkmal. Pilgerreisen gibt es in allen Weltregionen und ist immer eine besondere Beziehungspflege zwischen Gott und den Menschen. Vorgemacht hat es Abraham, als Vater der drei monotheistischen Religionen.

5.10 Uhr – Den Pilgerstab in der Hand geht es los, innere Einkehr, die Langsamkeit wieder entdecken, Gedanken freien Lauf lassen. Die anderen warten schon an der Kirche in Helenabrunn. Das Handy bleibt aus, wie ungewohnt für mich. Dafür findet der Rosenkranz seinen Platz, der heute immer wieder gebetet werden wird – dazwischen Stille. Pilgern ist ein bewegtes Innehalten. Während Wandern die äußerliche Unternehmung ist, ist Pilgern der innere Vorgang. Man wandert mit den Füßen, aber man pilgert mit dem Herzen. Frieden schließen, sich aus der hektischen Welt einige Stunden herausnehmen und wer nach Gott sucht, der wir hier an seinem eigenen Ich nicht vorbeikommen.

Über Hehler geht es Richtung Schwalmtal, über Lüttelforst und durch das Lüttelforster Bruch Richtung Wegberg. Hoffentlich hält sich das Wetter. Am Kapellchen an der Arsbecker Straße in Merbeck wird pausiert und spätestens als ich die Anlage des Golfclubs Schmitzhof sehe, betteln meine Füße um ein Ende und ein gutes Essen. Aber heute nicht. Die mitgenommenen Brote reichen aus.

Mehr als sechs Stunden später erreichen wir die erste Station des Kreuzweges in Birgelen. Hier wird zum ersten Mal heute das Handy gezückt. Meine Füße sprechen schon lange nicht mehr mit mir, dafür geht es meinen Mitpilgern besser als mir. Kein Wunder, sind sie doch „erfahrene Hasen“ was die Pilgerreisen angeht. Dafür ist das Gefühl endlich am Ziel angekommen zu sein unbeschreiblich. Immer wieder hatte ich heute darüber nachgedacht, einfach meinen Mann und ein Auto zu rufen, zurück geht es glücklicherweise nicht mehr zu Fuß. Ich mag heute Morgen als Wanderer gestartet sein, als Pilger bin ich angekommen. Eine Herausforderung, die ich gerne wieder antrete, ein besonderes Erleben von Natur und Ruhe und eine Erfahrung, die ich jedem nur empfehlen kann … obwohl sicher ist, dass ich heute keinen Schritt mehr gehe.

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